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Die Debatte um Social Egg Freezing

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ielleicht hast du ja auch schon einmal von dem Begriff „Social Egg Freezing „gehört. Dieser besagt, dass Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen, um sie dann später für eine künstliche Befruchtung (IVF) nutzen zu können. Doch wie funktioniert Egg Freezing überhaupt? Können Frauen damit wirklich so einfach das Thema „Kinder kriegen“ nach hinten verschieben? Und weißt du, wie die Rechtslage zum Thema Social Egg Freezing in Österreich aussieht? Das und noch mehr wollen wir uns in diesem Beitrag mal ansehen.

Die Entstehungsgeschichte von Egg Freezing

Ohne die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung (IVF) gäbe es heute wohl auch kein Egg Freezing, so wie wir es kennen. Denn der Durchbruch der IVF-Technologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert war gewissermaßen auch ein „Gate-Keeper“ für weitere Forschungen und Entwicklungen im Bereich der reproduktiven Medizin. Bereits in den 1970er Jahren gelang es Mediziner*innen, Spermien einzufrieren und diese im Rahmen der künstlichen Befruchtung erfolgreich wieder zu aufzutauen. Bereits ein paar Jahre später folgte dann der Durchbruch und man konnte im Labor kreierte Embryonen einfrieren und Frauen ebenfalls im Zuge einer IVF-Behandlung einsetzen.

Mit der weiblichen Eizelle gestalte sich der Prozess des Einfrierens allerdings als deutlich schwieriger. Denn die Eizelle ist die größte Zelle im menschlichen Körper, die auch einen hohen Wasseranteil aufweist, weswegen sie im Prozess des Einfrierens und wieder Auftauens leicht Eiskristalle bilden kann, die die Eizelle zerstören. Auch erste „Slow Freezing Methoden“ waren unzuverlässig, denn selbst wenn die Eizellen den Auftau-Prozess überlebten, führte dieser oft zu einer Schädigung der Chromosomen und so zu einer schlechten Embryo-Entwicklung sowie geringer Überlebenschancen.

Das ändert sich erst im Jahr 2005, als eine neue „Flash-Freezing Methode“ namens „Oocyte Vitrification“, die sogenannte „Eizellen-Vitrifikation“ von einem japanischen Embryologen entwickelt wurde. Die Vitrifikation ist ein Prozess, bei dem die Eizellen zuerst mit Kryoprotektiva behandelt werden und dann in flüssigen Stickstoff getaucht werden. Die Eizellen kühlen so blitzschnell auf -196°C hinunter, sodass sie „verglasen“, also eine glas-ähnliche Struktur bekommen. Im Vergleich zu den älteren „Slow Freezing Methoden“, die oft Stunden gedauert haben, dauert die Vitrifikation nur ein paar Minuten und auch die Überlebenschancen der aufgetauten Eizellen wurden so signifikant erhöht.

Der Unterschied zwischen Social Egg Freezing und Medical Egg Freezing

Prinzipiell unterscheidet man beim Egg- Freezing zwei Kategorien: Das Medical und das Social Egg Freezing. Das Medical Egg Freezing war gewissermaßen auch die Ursprungs-Form des Egg Freezing. Der medizinische Teilbereich, der Bedarf für eine Methode wie das Egg Freezing hatte, war die Onkologie. Frauen im reproduktiven Alter, die an Krebs erkranken und sich deswegen einer Behandlung wie einer Bestrahlung oder einer Chemotherapie unterziehen müssen, haben nämlich durch die Behandlung ein erhöhtes Risiko, dass ihre Eizellreserven reduziert oder sogar zerstört werden.  Lässt sich eine Frau vor einer Krebs-Behandlung ihre Eizellen einfrieren, kann sie später auf diese zurückgreifen und kann so immer noch Kinder zur Welt bringen, die mit ihr genetisch verwandt sind. Für männliche Krebspatienten gab es mit dem Einfrieren der Spermien diese Methode ja bereits. Bald wurde das Egg Freezing auch für Frauen mit jeglichen Arten von Fertilitätsproblemen ausgeweitet. Dazu zählten zum Beispiel schwere Fälle von Endometriose, bösartige Eierstocktumore etc.

Der eigentliche „Boom“ des Egg-Freezings begann allerdings erst, als die ersten „gesunden“ Frauen anfingen, sich für klinische Studien zum Thema Egg Freezing zu melden. 2012 haben dann sowohl die American Society for Reproductive Medicine (ASMR) sowie die European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) Egg Freezing für medizinische sowie für nicht-medizinische Zwecke offiziell freigegeben.

Denn dass die weibliche Fruchtbarkeit leider begrenzt ist, ist keine allzu neue wissenschaftliche Erkenntnis. Eine Frau kommt bereits mit der „finalen“ Menge ihrer Eizellen auf die Welt. Mit der Zeit nimmt sowohl die Anzahl als auch die Qualität der noch vorhandenen Eizellen immer weiter ab. Der Abfall der Anzahl der Eizellen beginnt bereits in den frühen 30ern und ab 37 nimmt die Geschwindigkeit der Abnahme der Eizellenanzahl rasant zu. Mittels Social Egg Freezing kann Frau so also ihre Fruchtbarkeit „konservieren“ und so theoretisch auch bis weit in ihre 40er und theoretisch sogar nach ihrer Menopause Kinder auf die Welt bringen. Frauen können so also problemlos ihr fruchtbares Fenster verlängern, sich an die länger andauernde Fruchtbarkeit von Männern annähern und leichter und ohne Zeitdruck ihre Lebens- und Familienplanung in die Hand nehmen. Oder?

Die Erfolgschancen bei Social Egg Freezing

Ganz so nett und leicht, wie es in der Theorie klingt, ist es in der Praxis aber dann leider doch nicht. Denn Egg Freezing ist kein Garant für späteres Babyglück! Da Egg Freezing eine doch recht junge Technologie ist, gibt es zu diesem Thema noch nicht viele umfassende Studien und die Informationslage, vor allem über die tatsächliche Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft mit den eingefrorenen Eizellen, ist nicht besonders eindeutig. So verweist etwa eine steirische Kinderwunschklinik auf ihrer Website auf eine nicht näher definierte Studie, die besagt, dass 60- 85% der Frauen, die ihre gefrorenen Eizellen für eine Befruchtung nutzen, erfolgreich schwanger werden.

Größer angelegte Studien aus den USA sprechen hier hingegen eine andere Sprache. Die wissenschaftliche Publikation „Fifteen years of autologous oocyte thaw outcomes from a large university-based fertility center” des New York University Langone Fertility Center, die die Daten des New Yorker Kinderwunsch-Instituts der letzten 15 Jahren auswerte, kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Erfolgschancen einer Schwangerschaft im Schnitt nur bei 39% lagen. Das hatte vor allem mit dem höheren Alter der Frauen zu tun, die ihre Eizellen einfrieren ließen. Dieses lag im Schnitt bei etwa 38 Jahren. Waren die Frauen zum Zeitpunkt des Egg Freezing unter 38 Jahren, so lagen die Chancen bei 51%. Auch die Menge der eingefrorenen Eizellen spielte eine signifikante Rolle. So hätten etwa Frauen unter 38 Jahren, die 20 oder mehr als 20 Eizellen einfrieren ließen, sogar eine 70%ige Chance einer Schwangerschaft.

Dass es trotz Egg Freezing mit dem Kinderwunsch nicht immer so einfach ist, zeigt auch die Studie von Marcia C. Inhorn. Für ihr Buch „Motherhood on Ice“ hat sie mehr als 150 Frauen auf ihrer Social Egg-Freezing Reise begleitet und sich vor allem auch die sozio-kulturellen Gründe angeschaut, die Frauen zu dieser Entscheidung bewogen haben.

Von den mehr als 150 Frauen haben sich während Inhorns Recherchezeitraum schlussendlich 10 davon entschlossen, ihre gefrorenen Eizellen für eine künstliche Befruchtung zu nutzen. Leider verloren davon 8 Frauen alle ihre gefrorenen Eizellen in diesem Prozess, sodass es zu keiner erfolgreichen Befruchtung gekommen ist. Lediglich 2 der Frauen brachten gesunde „Frozen Egg Babies“ auf die Welt. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Egg Freezing keine Garantie für ein Baby ist. Dr. Cedars, Präsidentin der American Society for Reproductive Medicine, formuliert es so: “Die Schwangerschaftsrate ist nicht so hoch wie viele Frauen denken. Ich sage meinen Patientinnen immer: Nur weil du deine Eizellen eingefroren hast, hast du kein „Baby“ in der Tiefkühltruhe. Du hast lediglich eine Chance, Schwanger zu werden“.

Die Gründe für Social Egg Freezing: Selbstverwirklichung vs. „The Mating Gap“

Wie wir bereits eingangs erwähnt haben, gibt es gegen Social Egg Freezing viele kritische Stimmen, die besagen, dass Frauen dadurch das Thema Kinder kriegen auf unbestimmte Zeit nach hinten verschieben, um sich ihrer Karriere zu widmen. Mit dieser Annahme hat auch Marcia C. Inhorn in ihre umfassende Egg Freezing Studie gestartet, nur um dann eines Besseren belehrt zu werden.

In ihren zahlreichen Interviews mit Frauen, die sich einer Social Egg Freezing Behandlung unterzogen, kristallisierte sich schnell heraus, dass die meisten diesen Schritt wagten, da ihnen schlicht und einfach der passende Partner fehlte und sie Angst hatten, sich sonst ihren Kinderwunsch nicht mehr erfüllen zu können, da ihnen schlicht und einfach die Zeit davonlaufen würde. Inhorn bezeichnet dieses Phänomen als den „Mating Gap“. Demnach hätten es vor allem gut ausgebildete, erfolgreiche und gut situierte Frauen schwer, einen Partner auf „Augenhöhe“ zu finden, der ebenfalls einen ähnlich akademischen Bildungsgrad etc. aufweist. Ihrer Meinung nach ist die Beliebtheit von Social Egg Freezing also eher „Dating-Problemen“ anstatt „Selbstverwicklichungs-Gründen“ geschuldet.

Social Egg Freezing in Deutschland und Österreich & die Kosten

Wenn du in Deutschland lebst und dir schon mal überlegt hast, deine Eizellen einfrieren zu lassen, dann kannst du das durchaus machen, wenn du bereit bist, das nötige Kleingeld dafür in die Hand zu nehmen. Als kleine Übersicht: Die Kosten für die Behandlung betragen im Schnitt etwa 2.220€ und sind privat zu bezahlen, da gesetzliche Krankenkassen diese nicht übernehmen. Darin inkludiert sind die Beratung, Ultraschall, Stimulationsbehandlung, Eizellentnahme, Kryokonservierung der Eizellen sowie die Anästhesie. Dazu kommen noch die Lagerungskosten der gefrorenen Eizellen. Diese belaufen sich auf etwa 300€ pro Jahr.

Zum Vergleich: In den USA zahlt man für Social Egg Freezing in etwa 15.000€.

Lebst du in Österreich und spielst ebenfalls mit dem Gedanken, deine Eizellen einfrieren zu lassen, dann müssen wir dich leider enttäuschen, denn: In Österreich ist Social Egg Freezing verboten, du kannst diese Behandlung nur im Ausland durchführen lassen. Damit ist Österreich neben Bangladesch, China, Malaysia, Norwegen, Senegal und Singapur nur eines von 8 Ländern weltweit, dass Social Egg Freezing verbietet. In Österreich ist nur „Medical Egg Freezing“ erlaubt, also nur wenn ein medizinischer Grund vorliegt. Doch selbst wenn medizinische Gründe vorliegen, zahlen die österreichischen Krankenkassen zu der Behandlung nicht dazu und die Kosten müssen privat getragen werden. In Österreich belaufen sich diese auf ca. 4000€ inkl. Lagerungsgebühr für das erste Jahr.

Petitionen

Wir finden das Verbot des Social Egg Freezing in Österreich absolut veraltert und fordern, dass jede Frau ihre reproduktive Vorsorge selbst und unabhängig in die Hand nehmen sollen dürfte! Denn dass Social Egg Freezing darüber hinaus auch eine sehr persönliche Entscheidung ist, die Frauen nicht leichtfertig treffen, sagt auch Bettina Toth, leitende Endokrinologin und Reproduktionsmedizinerin an der MedUni Innsbruck, vor allem da die Prozedur wie jeder medizinische Eingriff mit Risiken verbunden ist.

 Mit der Forderung nach der Abschaffung des Social Egg Freezing Verbots sind wir nicht alleine, es gibt österreichweit Petitionen, die dies ebenfalls durchsetzen möchten. Bereits im Juni 2023 wurde im österreichischen Parlament als Folge einer Bürgerinitiative das Thema Social Egg Freezing besprochen, jedoch bis jetzt ohne Ergebnis.

Die österreichische Bioethikkommission hat sich jedoch bereits mehrheitlich für das Social Egg Freezing ausgesprochen. Dieses Gremium besteht aus 24 Mitglieder*innen und berät den Bundeskanzler in medizinisch-ethischen Angelegenheiten. In der Stellungnahme der Kommission, die dem Parlamentsausschuss für Petitionen und Bürgerinitiativen vorgelegt wurde, heißt es: „Ein generelles Verbot der genannten Methoden zur Unterstützung der Familienplanung erscheint in einer modernen liberalen und pluralistischen Gesellschaft sachlich unangebracht.“ 

Du möchtest ebenfalls deine Stimme für Social Egg Freezing stark machen?

Hier geht es zur offenen Petition der Initiative „Zukunft Kinder! – Für eine selbstbestimmte Familienplanung.

Wie stehst du zum Thema Social Egg Freezing? Lass es uns gerne in den Kommentaren oder auf unserem Instagram wissen.

Quellen:

Inhorn, Marica C. (2023). Motherhood on Ice: The Mating Gap and why women freeze their eggs. New York University Press

Cascante, Blakemore, DeVore et. al (18.05.2022). Fifteen years of autologous oocyte thaw outcomes from a large university-based fertility center

Kolata (06.07.2023). Sobering Study‘shows Challenges of Egg Freezing

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Tina ist Marketing Managerin bei femSense und ist fest davon überzeugt, dass großartige Dinge passieren, wenn Frauen sich gegenseitig supporten und empowern, denn in dieser „Men's-World" braucht es eindeutig mehr Sisterhood. Sie lebt im Einklang mit ihrer Superpower aka ihrem Zyklus und schreibt über alle Themen, die wichtig sind.

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